BNE ist nicht optional, sondern ein verbindlicher Bildungsauftrag. Wissenschaftlich diskutierte Ansätze zeigen, was nötig ist, um Lernende zur aktiven Beteiligung an einer nachhaltigen Entwicklung zu befähigen.
„BNE hat die Aufgabe, uns angesichts der komplexen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu zukunftsfähigem Denken und Handeln zu befähigen. Insbesondere unsere Schulen sind im Rahmen ihres Bildungs- und Erziehungsauftrages dazu aufgefordert, Kindern und Jugendlichen in Unterricht, in schulischen Projekten und im Schulalltag den Erwerb, den Ausbau und die Anwendung der dafür notwendigen Kenntnisse und Kompetenzen zu ermöglichen.“
Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Leitlinie Bildung für nachhaltige Entwicklung)
Bildungsauftrag
Weiterführende Links und Literatur
- Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen
Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung
- KMK – Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland
Bildung für nachhaltige Entwicklung. Eine Roadmap. BNE2030
- UNESCO
Wissenschaftlicher Diskurs
In den Bildungswissenschaften werden unterschiedliche Ansätze von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE 1, 2 und 3) diskutiert.
Wissenschaftliche Grundlage
Pettig, F., & Singer-Brodowski, M. (2025). Learning in Relation with a Changing World: Thinking Beyond ESD 1 and ESD 2 Towards ESD 3. Journal of Education for Sustainable Development, 18(2), 176-201.
https://doi.org/10.1177/09734082251347383
„Zunehmende Extremwetterereignisse oder auch die mediale Berichterstattung über die Klimakrise sind irritierende Lernanlässe (…). Für die Forschung heißt es zu verstehen, wie sich Menschen zu den Lernanlässen verhalten, wie sie diese (…) mit anderen bearbeiten und ob und wie sie ihre Bedeutungsperspektiven verändern.“
Mandy Singer-Brodowski
BNE 1
„Bildung“ FÜR nachhaltige Entwicklung
- Worum geht es? BNE 1 zielt darauf, Wissen, Werte und Verhaltensweisen zu vermitteln, die als nachhaltig gelten. Dahinter steht die Annahme, dass Zukunft in ihren Entwicklungen vorhersehbar und durch nachhaltige Verhaltensweisen steuerbar ist. BNE 1 fokussiert primär direkt beobachtbare, verhaltensorientierte Lernziele.
- Was ermöglicht der Ansatz?BNE 1 bietet klare Orientierung und Sicherheit. Konkrete Handlungsmöglichkeiten sind leicht verständlich und im Alltag niederschwellig umsetzbar, was insbesondere in Krisensituationen Halt geben kann.
- Wo liegen Herausforderungen?Durch die starke Fokussierung auf individuelles Handeln besteht die Gefahr, dass strukturelle und institutionelle Bedingungen ausgeblendet werden. Lösungsansätze können moralisierend wirken oder als indoktrinierend erlebt werden. Komplexe Nachhaltigkeitsfragen werden mitunter vereinfacht und vor allem über Technik, Effizienz oder Konsum bearbeitet.
BNE 2
Bildung ALS nachhaltige Entwicklung
- Worum geht es?BNE 2 versteht Bildung als offenen Prozess. Im Mittelpunkt steht die Befähigung zur kritisch reflektierten und diskursiven Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeitsfragen. Ziel ist die Förderung von Kompetenzen zur selbstständigen Orientierung und Urteilsbildung angesichts komplexer und widersprüchlicher Zukunftsfragen.
- Was ermöglicht der Ansatz?BNE 2 stärkt individuelle Kompetenzen wie Reflexionsfähigkeit, Urteilsvermögen, Perspektivübernahme und Diskursfähigkeit. Sie fördert Mündigkeit, indem Lernende lernen, Positionen nicht unreflektiert zu übernehmen, sondern selbst zu entwickeln und begründet zu vertreten.
- Wo liegen Herausforderungen?Obwohl gesellschaftliche Rahmenbedingungen mitgedacht werden, bleibt BNE 2 vor allem auf die diskursive Auseinandersetzung und individuelle Urteilsbildung ausgerichtet. Der fehlende Übergang zu gemeinsamem oder strukturell wirksamem Handeln kann als unbefriedigend erlebt werden und Ohnmachtsgefühle hervorrufen. Fehlen zudem gemeinsame Orientierungen, besteht die Gefahr, dass Diskussionen beliebig werden.
BNE 3
Lernen in Verbindung mit einer sich verändernden Welt
- Worum geht es?BNE 3 begreift Bildung als Teil fortlaufender gesellschaftlicher und sozial-ökologischer Transformationsprozesse. Zukunft gilt als offen und wird durch eine Vielzahl miteinander verwobener Entscheidungsprozesse geformt. Lernen ist bei BNE 3 in einen gemeinsamen Prozess eingebettet, in dem Raum fürs Ausprobieren und Aushandeln gegeben ist. Ziel ist es, kollektive Handlungsfähigkeit auf Grundlage eines Verständnisses zu entwickeln, das Mensch und Umwelt als miteinander verflochten anerkennt.
- Was ermöglicht der Ansatz?BNE 3 nimmt die Komplexität und Krisen einer sich verändernden Welt ernst und eröffnet durch gemeinsame Aushandlungsprozesse und Sinnkonstruktionen Lernräume zur Entwicklung kollektiver Handlungsfähigkeit. Emotionen werden als Teil krisenbezogener Unsicherheiten anerkannt und als relevante Bestandteile von Lernprozessen einbezogen. Lernende setzen sich dabei selbst in Beziehung zu einer sich verändernden Welt und können darin eine Grundlage für die Entwicklung konstruktiver Hoffnungsperspektiven finden.
- Wo liegen Herausforderungen?Transformativ intendierte Aktivitäten laufen Gefahr, symbolisch zu bleiben, wenn sie nicht mit Veränderungen struktureller Rahmenbedingungen einhergehen. Wird die Befähigung der einzelnen im Rahmen der kollektiven Prozesse nicht mitgedacht und begleitet, kann es zur Überforderung führen.
Alle drei Ansätze kombinieren
BNE 1–3 zusammen gedacht
Werden BNE 1, BNE 2 und BNE 3 als miteinander verbundene Dimensionen gefasst, wird BNE als ein Lern- und Gestaltungsprozess verstanden, der Orientierung durch nachvollziehbare Handlungs- und Wertbezüge bietet, kritische Reflexion im Sinne eigenständiger Urteilsbildung und Perspektivenvielfalt ermöglicht und kollektive Handlungsfähigkeit in gemeinsamen Aushandlungs- und Gestaltungsprozessen stärkt. Dabei werden Emotionen als relevanter Bestandteil von Lernprozessen einbezogen. Lernende setzen sich in diesem Prozess selbst in Beziehung zu einer sich verändernden Welt, reflektieren bestehende Lösungs- und Verhaltensorientierungen und überführen Reflexion in gemeinsame Aushandlung. Geteilte Werte tragen zur Stabilisierung offener Gestaltungsprozesse bei und ermöglichen die Entwicklung begründeter Orientierungen, reflexiver Urteilsfähigkeit und kollektiver Handlungsfähigkeit. Ziel ist es, Lernende dazu zu befähigen, nachhaltige Entwicklung nicht nur zu verstehen oder zu diskutieren, sondern sie gemeinsam auszuhandeln, zu erproben und sichtbar zu gestalten.